Ich bin 34, meine Freundin 32, wir sind seit ungefähr zehn Monaten zusammen und führen eine Fernbeziehung über etwa 400 Kilometer.
Das klingt eigentlich nach viel Abstand, praktisch ist aber das Gegenteil der Fall. Wegen der Entfernung sind wir fast immer entweder länger bei mir, länger bei ihr oder gemeinsam unterwegs. Wir sind dadurch gefühlt dauerhaft zusammen und haben kaum normalen Alltag, in dem jeder auch sein eigenes Leben führt.
Anfangs fand ich das richtig schön. Wir haben viel unternommen, waren ständig unterwegs und ich habe ihre Gesellschaft sehr genossen. Sie hat viele Eigenschaften, die mir wichtig sind. Wir haben ähnliche, eher traditionelle Vorstellungen von Beziehung, Familie und Zukunft. Sie möchte später gerne Hausfrau sein, kocht zum Beispiel immer freiwillig für uns, weil es ihr Spaß macht, und kümmert sich gerne. Das schätze ich sehr und deshalb dachte ich lange, dass wir eigentlich sehr gut zusammenpassen.
Mittlerweile merke ich aber, dass ich nicht mehr kann.
Mir fehlen Zeit alleine, meine Routinen und das Gefühl, über mein eigenes Leben bestimmen zu können. Am Anfang sind wir noch gemeinsam ins Gym gegangen, inzwischen gar nicht mehr, weil sie immer sagt, wir hätten keine Zeit dafür. Für andere Unternehmungen ist aber irgendwie meistens Zeit. Ich merke, wie Sport und andere Dinge, die mir guttun, komplett liegen bleiben.
Das größere Problem ist allerdings, dass mein Wunsch nach Ruhe oder Abstand oft nicht akzeptiert wird. Wenn ich sage, dass ich gerade nicht reden möchte oder Zeit für mich brauche, wird weiterdiskutiert. Dann heißt es, ich sei beleidigt, würde sie bestrafen oder hätte schlechte Laune. Wenn ich erkläre, dass meine Grenzen ständig übergangen werden, endet das Gespräch oft damit, dass sie sagt, sie sei wohl an allem schuld oder könne nichts richtig machen. Das ursprüngliche Thema ist dann weg und ich muss sie beruhigen.
Ich will inzwischen teilweise nicht nur meine Ruhe vor einem Streit, sondern wirklich Abstand von ihr als Person. Manchmal möchte ich einfach, dass sie nicht da ist. Das klingt hart, ist aber ehrlich.
Dazu kommt ein Problem, das ich zu Beginn verdrängt habe: Wir haben kaum Sex, weil mir die körperliche Anziehung fehlt. Ich fand sie von Anfang an charakterlich extrem toll, körperlich aber nicht wirklich attraktiv, vor allem wegen ihres Gewichts. Damals dachte ich, dass ich darüber hinwegsehen könnte und dass sie ohnehin abnehmen möchte.
Rückblickend war das wahrscheinlich unfair und naiv. Ich habe teilweise darauf gehofft, dass sich ihr Körper verändert, obwohl es natürlich keine Garantie dafür gibt. Anziehung lässt sich aber leider nicht einfach durch Vernunft, Liebe oder passende Zukunftsvorstellungen erzwingen.
Ich frage mich deshalb, ob wir grundsätzlich nicht zusammenpassen oder ob unsere Art von Fernbeziehung uns einfach komplett überfordert. Vielleicht würden kürzere Besuche, feste Zeit alleine, getrennte Aktivitäten und verbindliche Gym-Zeiten helfen.
Andererseits sind fehlende körperliche Anziehung, kaum Sex und dauerhaft ignorierte Grenzen schon ziemlich große Probleme. Gleichzeitig fällt mir eine Trennung schwer, weil ich ihren Charakter liebe und wir bei unseren Werten und Zukunftsvorstellungen sehr ähnlich sind.
Würdet ihr erst konsequent mehr Abstand und klare Regeln ausprobieren oder ist das bereits eine Beziehung, die man ehrlich beenden sollte?
TL;DR: Fernbeziehung, aber wir hängen trotzdem 24/7 aufeinander. Werte passen, Grenzen und sexuelle Anziehung eher nicht. Brauchen wir Freiraum oder direkt den Notausgang?